Biologe und Verhaltensforscher Dr. Erich Ritter: »…es gibt keine gefährlichen Haie, nur gefährliche Situationen. Diese Tatsache muss der breiten Öffentlichkeit klar gemacht werden… Erst wenn die Menschen keine Angst mehr vor Haien haben, können diese Tiere wirklich geschützt werden… Bewusstes Interagieren mit Haien ist ein wichtiges Werkzeug zum Verständnis mit ihnen… Wir schulden es nicht nur den Tieren, sondern auch unseren Kindern…«

Ein Interview von Julian Engel & Julian Münster

Erich Ritter, 1958 in Oftringen geboren, studierte Zoologie und Paläontologie an der Universität Zürich und an der Rosenstiel School der University of Miami. Danach promovierte er auf dem Gebiet der Verhaltensökologie bei Fischen. Erich Ritter ist ein Gründungsmitglied und war bis 2005 wissenschaftlicher Leiter von Sharkproject e.V., arbeitet in der Verhaltensforschung von Haien und beschäftigt sich insbesondere mit der Hai-Mensch-Beziehung.

Wir trafen Erich im Januar 2015 auf der Boot in Düsseldorf.

Vorgespräch

Dr. Erich Ritter

Dr. Erich Ritter

Stop Finning DE: Neben unserem aktuellen Projekt Großhändler über die Problematik des Vertreibens von Haiprodukten aufzuklären ist eine der wichtigsten Methoden von Stop Finning Deutschland der Informationsaustausch und der Bildungsschwerpunkt für den Haischutz.

Hierfür haben wir eine Facebookseite und unsere Internetseite www.stop-finning.com in der wir neben einer Deutschlandkarte, die Vertreiber von Haiprodukten zeigt, Informationen über einzelne Arten, wie man selbst aktiv werden kann und was wir bereits erreicht haben auch gerne Interviews von wichtigen Persönlichkeiten im Haischutz einbetten wollen.

Erich Ritter: Da habt ihr euch viel vorgenommen.

Stop Finning DE: Danke, wir sind jung und motiviert.

Erich: Ja, das hört man gerne. Die Haie brauchen jede Person. Ich habe meine erste Anti-Finning-Kampagne vor 23 Jahren gemacht und es ist schön zu sehen wie sich der Haischutz besonders in den letzten 3-4 Jahren entwickelt hat. Man hat natürlich auch Bremsen, die dem Haischutz nicht wirklich helfen, wie z.B. Sharkproject. Wenn es nicht mehr um die Sache geht, sondern ums gesehen werden ist das nicht was Haie brauchen. Kampagnen, wie Puppentheater mit Haien, Umweltpreise für fragwürdige Präsidenten, oder schlecht recherchierte Bücher führen leider nirgendswo hin.

Stop Finning DE: Ja, das ist eine traurige Sache. Wir haben Sharkproject am Anfang als eine starke Organisation mit „Stop Sales“ Kampagnen wahrgenommen. Das fanden wir super. In Deutschland gibt es heute leider nur noch wenig gute Aktionen zum Haischutz, woraus unsere Motivation erwachsen ist zu versuchen diese Lücke zu füllen. Die Sea Shepherd, bei der einige unserer Mitglieder auch ehrenamtlich tätig sind machen zwar tolle Arbeit, aber die Hauptthemen sind hier natürlich Wale und Delphine.

Erich: Ich glaube Sea Shepherd weiß auch, dass sie von den Walen und Delphinen mehr zu dem gesamten Ozean und zu den Haien kommen müssen. Vor allem weil die Aktionen sehr gut sind. Paul Watson hat z.B. in Costa Rica sehr viel gemacht, aber ich glaube und hoffe, dass da noch mehr in der nahen Zukunft für Haie kommen wird.

Interview

©Robert Wilpernig

©Robert Wilpernig

Stop Finning DE: Wir haben hier Dr. Erich Ritter, bekannter Haischützer und Verhaltensforscher der Tiere. Ursprünglich kommst Du aus der Schweiz und lebst heute auf den Bahamas.

Erich: Meine Forschungsstation ist auf den Bahamas das ist richtig (lächelt). Ihr möchtet sicher wissen wie ich dazu kam von der Schweiz auf die Bahamas zu ziehen. Das ist eine lustige Geschichte: Ich hatte Hausarrest mit 7 Jahren und weil ich unartig war, dass ich nicht rausgehen konnte um zu spielen habe ich einfach den Fernseher eingeschaltet, was wir natürlich damals nicht durften und habe dann dabei meinen ersten Hai gesehen. Das war für mich das Größte und ich merkte da schon was der Sprecher im Fernsehen sagte und was ich in den Bildern sah passte nicht zusammen.

Mit 10 Jahren habe ich dann Dr. Dolittle gelesen und lernte über die scheinbare Kommunikation mit Tieren. Mit 12 sagte ich meiner Mutter, dass ich Hai Doktor werden möchte. Das war später auch der einzige Grund warum ich studiert habe: Um die Hai-Mensch-Kommunikation zu studieren, aber das gab es natürlich nicht. Anfang der 90er Jahre habe ich dieses Forschungsgebiet dann kreiert und mache es heute noch.

Stop Finning DE: Mit wie viel Jahren hast Du dann angefangen zu tauchen?

Erich: Das kam erst relativ spät. Erst mit etwa 20, weil es bei uns in Zürich keinen Tauchclub gab. Es hätte wahrscheinlich noch 1-2 Jahre länger gedauert, wenn nicht ein Freund von mir sich einen Anzug auslieh, weil ein Freesbee ins Wasser fiel und es sehr kalt war, dass ich mich danach beim Tauchclub entschuldigen ging, weil es sich natürlich nicht gehört so was zu tun. Doch als ich dann in die Tauchbasis gegangen bin und es erklärt habe, wurde mir ein Tauchgang ausgegeben. Was mittlerweile 8000 Tauchgänge her ist.

Stop Finning DE: Wenn man sich mit dem Thema Meer und Meeresschutz beschäftigt, wie sieht es aus: Isst man noch Fisch oder sogenannte Meeresfrüchte? Oder achtet man darauf was man isst und wo es herkommt?

Erich: Ich habe mich früh dafür entschieden keine Meerestiere mehr zu essen. Ich verurteile zwar niemanden, der das tut, aber ich konnte es mit mir selbst nicht mehr vereinbaren. Was mich natürlich vor allem zu dieser Entscheidung bewegt hat ist der riesige Beifang, der dann weggeschmissen wird. Ich kann tolerieren, wenn jemand sagt ich esse einen selbst gefangenen Fisch, aber wenn jemand sagt ich gehe Shrimps oder Garnelen essen, dann muss ich einfach sagen ist einfach jenseits von Gut und Böse. Fängt man beispielsweise 1kg dieser Tiere erzeugt das bis zu 9-10 kg Beifang.

Stop Finning DE: Du hast Biologie studiert und möchtest u.a. mit dem Klischee des Hollywood Haies aufräumen. Was macht Dir an Deiner Arbeit besonders viel Spaß und gibt es eventuell auch Wehmutstropfen?

Erich: Was besonders viel Spaß macht ist zu zeigen, dass das Tier aus dem Film Jaws („Der Weiße Hai“) nicht existiert, statt dessen wirst Du auf ein lebendes, denkendes und fühlendes Lebewesen treffen. Als Wehmutstropfen ist vielleicht zu nennen, dass ich sehr früh wusste, dass ich alles aufgeben musste woran ich gebunden war. Also z.B. musste ich meine Familie verlassen und die Schweiz. Ich musste in einem anderen Land neu beginnen. Das war lange Zeit natürlich sehr hart.

Stop Finning DE: Es dauert bestimmt auch etwas bis man sich in dem neuen Land selbst etabliert hat richtig?

Erich: Ja, ich war natürlich als Schweizer in Amerika vielen späteren Kollegen Anfangs ein Dorn im Auge. Ich warf ihre alten Ideen des Haies über den Haufen und kreierte eine Forschung, die in ihren Augen gefährlich war. Das war anfangs sehr schwierig.

Stop Finning DE: Was hat dazu geführt, dass Du Dich etabliert hast?

©Robert Wilpernig

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Erich: Dabei haben mir die Medien geholfen. Plötzlich kommt jemand der gebrochen Englisch spricht und sagt was die Haiforschung heute sagt ist komplett falsch. Das war für viele Fernsehsendungen ein gefundenes Fressen und natürlich hat man mich als Cowboy hingestellt, aber je länger man den Cowboy zeigte, desto mehr gibt man ihm eine Plattform. In dieser konnte ich dann deutlich machen, wie wichtig Haie sind und das unser Bild von ihnen vollkommen falsch ist. Viele meiner Ideen wurden dann auch von diesen Kollegen übernommen, die vorher skeptisch waren und mehr und mehr sehe ich heute, dass sie meine Dinge zitieren, als wäre es auf ihrem Mist gewachsen.

Ein Nachteil am Anfang war natürlich, dass in der Wissenschaft entscheidend ist, wie viele Publikationen Du hast und wie oft Du mit diesen zitiert wurdest – und nicht, was du vor laufender Kamera bereits beweisen kannst. Durch die viele Öffentlichkeitsarbeit hatte ich nur wenig Zeit Publikationen zu schreiben. Ich habe mich erst einmal mehr auf den Haischutz als auf die Wissenschaft konzentriert und erst in späteren Jahren stärker publiziert und so ziemlich alles bewiesen, was ich immer postulierte. Das geht vom Wissen des Haies, was beim Mensch vorn und hinten ist, bis dahin, dass Haie ein Körperbewusstsein haben und vieles mehr.

Stop Finning DE: Ja, das stimmt der hershal-Index achtet nur auf die Publikationen und wie weit diese verbreitet sind, nicht was für die Publikation eventuell alles auch außerhalb der eigentlichen Publikation gemacht wurde.

Erich: richtig. Eine sehr hinderliche Denkweise, wenn es um die eigentliche Sache geht,

Stop Finning DE: Was fasziniert Dich so an Haien?

Erich: Was mich so fasziniert ist das falsche Bild von einer Instinkt getriebenen Fressmaschine und dann wenn man mit diesen Tieren im Wasser ist feststellt, dass es in keiner Weise der Wirklichkeit entspricht. Sie sind einem Hund oder einer Katze nicht unähnlich. Das merkt man vor allem, weil wir beginnen die Tiere richtig einzuschätzen und damit ihr Verhalten auch richtig zu deuten.

Mich fasziniert es mit einem weißen Hai im Wasser zu sein und einfach zu realisieren, dass es ein Tier ist, genau wie Du und ich. Es ist ein Tier das Angst hat und Mut aufbauen muss, Hemmschwellen abbauen muss und das ist natürlich vor allem bei so einem großen Tier sehr faszinierend, wenn Du das wahrnimmst. Wenn Du einen zwei Tonnen Hai vor Dir hast und merkst: „Der hat Schiss!“ Das ist natürlich fantastisch zu spüren. Das merkt man wahrscheinlich nicht wenn man das erste Mal mit einem Hai taucht, aber wenn man so lange in einem Bereich arbeitet entwickelt man ein Gefühl für dieses Verhalten und kannst es besser deuten.

Stop Finning DE: Ja, das können wir sehr gut nachvollziehen. Meine erste Begegnung mit einem Hai war sehr ähnlich mit dem was Du grade beschrieben hast. Es war ein ausgewachsener Weißspitzenriffhai und als ich auf ihn zukommen wollte schwamm er sehr schnell davon. In diesem Moment merkte ich sehr deutlich, dass die Situation, die ich mir vorher bei meiner Begegnung mit einem Hai vorgestellt habe eine ganz andere ist, als die die ich mir vorgestellt habe.

Erich: Das beschreibt natürlich genau das Problem, das sich für mich damals ergab. Genau das habe ich Mitte der 90er Jahre auch festgestellt und nun musste ich versuchen diese Erfahrung und das Wissen in der breiten Masse zu etablieren und auch heute noch ist das noch immer verdammt schwierig. Und dann denkt man auch schnell mal, warum habe ich so einen scheiß Job, bei dem es nur darum geht etwas zu beweisen. Die Arbeit selbst war natürlich immer gut, aber ich habe halt das Problem gehabt, dass man diese Erfahrungen auch beweisen muss. Nehmen wir als Beispiel einmal das bereits erwähnte Körperbewusstsein. Na klar kann man sagen, dass jedes Tier ein Körperbewusstsein hat, aber die wenigen Wissenschaftler die das hinterfragen können dir sehr viel Schaden zufügen, also muss ein Beweis her.

Stop Finning DE: Ist es denn jetzt der Traumjob?

©Robert Wilpernig

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Erich: Sagen wir mal so, es ist die Erfüllung meines Jugendtraums. Das Problem ist einfach, dass ich damals unter die Räder kam. Der Nachwuchs hat es heute zum Glück deutlich einfacher und da würde ich schon sagen, dass es ein Traumjob ist. Jetzt haben wir die Infrastrukturen, wir haben ein großzügigeres Denken. Auch deswegen versuche ich meine Feldstation in den Bahamas für die Studenten offen zu halten um denen die im Haiverhalten arbeiten wollen eine Plattform zu bieten.

Stop Finning DE: Es ist auf jeden Fall schön zu sehen, dass die Menschen langsam aufgeklärter dem Thema gegenübertreten.

Erich: Ja, auf jeden Fall. Allerdings muss man leider sagen, dass dies im amerikanischen Raum in der breiten Öffentlichkeit noch nicht so weit ist wie im deutschsprachigen Raum. Wobei es aber auch bei uns in Amerika mittlerweile gute um nicht zu sagen sehr Gesetze und Organisationen gibt, die sich für die Umsetzung des Haischutzes einsetzen, aber die breite Öffentlichkeit ist noch nicht so informiert wie wir es hier sind.

Stop Finning DE: Was war denn Deine erste Begegnung mit einem Hai und welche Art war es?

Erich: Meine erste Begegnung war mit einem Schwarzspitzenriffhai und diese Begegnung war natürlich fantastisch.

Stop Finning DE: Du hast dabei sicherlich auch festgestellt, dass Deine früheren Ideen richtig waren und der Hai, wie gesagt, nicht das ist was die Medien aus ihnen machen.

Erich: Ja, allerdings war diesbezüglich meine erste Begegnung mit einem weißen Hai noch beeindruckender. Damals gab es noch keine richtigen Käfige und ich wollte ja beweisen, was ich geglaubt habe. Also sind wir einfach ins Wasser gesprungen. Ich dachte, dass ich entweder Recht habe oder halt nicht. Heute schmunzelt man da drüber, weil es klar ist, dass man mit ihnen ins Wasser kann, aber das war es damals noch nicht. Wir hatten ja keine Ahnung.

 Stop Finning DE: Hast Du Dich bei Deiner ersten Begegnung aus heutiger Sicht richtig verhalten?

Erich: Ich sag mal so, die Begegnung war damals schon mit etwas Furcht verbunden. Ich habe mich natürlich auch nicht so weit aus dem Fenster gelehnt weil ich nicht wusste ob ich mit meinen Ideen Recht behalten würde. Also ich könnte nicht sagen, dass ich bei dieser Begegnung viel gemacht hätte, ich habe eigentlich nur zugeguckt wie sich das Tier verhält und was es macht. Ich habe es also einfach geschehen lassen.

Stop Finning DE: Was würdest Du jemanden mit auf den Weg geben der einem Hai das erste Mal begegnet?

Erich: Das wichtigste ist sicher zu versuchen die Begegnung zu genießen. Die meisten Menschen, die das erste Mal einem Hai sehen denken dabei zu stark über sich selbst und die eigenen Gefühle und Gedanken nach und vergessen was sie jetzt grade erleben dürfen. Sie vergessen was für ein Privileg sie haben, denn nicht jeder Mensch wird in seinem Leben einen Hai in Freiheit schwimmen sehen. Das ist ein Privileg und das vergessen wir Menschen leider sehr oft, dass wenn wir in die Natur raus gehen und wir etwas Schönes sehen.

Stop Finning DE: Also schon ein wenig demütig gegenüber der Natur sein?

Erich: Absolut!

Stop Finning DE: Was war denn eine Prägende Situation mit Haien, die du erlebt hast? Was war denn die positivste und negativste Erfahrung?

Erich: Die tiefste Begegnung war mit einem weißen Hai. Das Tier schwamm auf mich zu und war etwa 2 Meter von mir entfernt und plötzlich kam ein Sonnenstrahl und traf das Auge des weißen Haies und das Auge war nicht schwarz, sondern tief blau. Die Farbe ist vergleichbar mit einem Tintenfass, das schwarz wirkt und wenn man es gegen die Sonne hält, dann sieht man die blaue Färbung.

Im negativen war es natürlich das ich beinahe das Leben verloren habe, als ich einen schweren Unfall mit einem Bullenhai hatte. Mein Spotter, die Person, die aufzupassen hatte, was um mich herum geschieht, hauptsächlich was von hinten anschwimmt, hat seinen Job nicht getan und lies das Tier von hinten anschwimmen ohne mir es zu sagen, worauf ich mich natürlich gedreht und das Tier weggedrückt hätte. Das war wohl das negativste Ereignis, aber auf der anderen Seite hat mich dieses Erlebnis bezüglich der Haie auch positiv geprägt. Als ich nach dem Unfall, einige Monate später, zurück ins Wasser ging, gab es natürlich viele Leute die die Message mitnahmen. Wenn jemand nach einem so schweren Unfall mit einem Hai wieder ins Wasser geht, muss er wahrscheinlich etwas wissen, das die breite Öffentlichkeit nicht weiß. Also im Nachhinein hat dieser Unfall den Haien sehr viel gebracht.

Stop Finning DE: Es ist dann diesbezüglich auch gut, dass es jemanden trifft, der die Situation einschätzen kann und nicht im Nachhinein dem Hai die Schuld dafür gibt.

Erich: Ich war 5 Wochen im Krankenhaus und in dieser Zeit hatten die Medien natürlich ein gefundenes Fressen mit mir. Es hat Jahre gedauert, bis ich danach überhaupt wieder die Akzeptanz in wissenschaftlichen Kreisen bekommen habe. Die negativen Meldungen von Seiten gewisser Kollegen war relativ heftig. An diesem Punkt hatte ich eine halbe Millionen Euro Schulden mit meinem Bein, keine Forschungsgelder mehr, Sponsoren sind abgesprungen und die Uni hat mich sofort mit anderen Lehrern ersetzt. Im Nachhinein hat sich das ganze natürlich zum Positiven verändert, vor allem für den Hai und das ist die Hauptsache auch wenn es für mich eine sehr schwere Zeit war.

Stop Finning DE: Es gibt ja die Theorie, dass Haie Surfbretter mit Robben verwechseln würden. Was denkst Du darüber?

©Robert Wilpernig

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Erich: Wir haben bewiesen, dass diese These nicht korrekt ist. Man kann dies auf verschiedenste Weisen erklären und zeigen. Es macht hier einen Unterschied ob man es wissenschaftlich zeigen will oder jemanden überzeugen möchte. Eines das ganz wichtig ist, ist das der Großteil der Verletzungen durch weiße Haie an Menschen ganz oberflächliche Wunden sind. Wenn man sich nun anguckt wie ein weißer Hai eine Robbe attackiert, muss das mit vollem Schub passieren. Das heißt er muss sie überraschen und direkt mit voller Kraft zubeißen, sonst ist sie weg. Selbst bei diesem kräftigen Angriff hat der Hai nur eine ca. 30%ige Erfolgschance. Heißt also, wenn sie das Surfbrett wirklich mit der Robbe verwechseln würden, müsste der Hai mit voller Kraft auf das Surfbrett kommen. Doch das tut der Hai nicht, wenn es zu Unfällen mit Surfern kommt.

Stop Finning DE: Also handelt es sich dabei eher um ein Auskundschaften.

Erich: Es ist auskundschaften. Das andere ist natürlich die meisten Surfer werden von Schwarzspitzenhaien gebissen. Das sind Haie bei denen keine Robben und auch keine Schildkröten auf dem Speiseplan stehen. Hier würde also der Vergleich eh nicht funktionieren. Auch ist es sonst ein bisschen sehr weit hergeholt, dass die weißen Haie, die mit Robben seit 20 Millionen Jahren zusammenleben den menschlichen Surfer mit der Robbe verwechseln würden.

Stop Finning DE: Häufig geschehen Unfälle mit Haien auch in der Nähe von Flussmündungen, wo das Wasser trüb ist. Ist dies auf das schlechte Sichtfeld zurückzuführen?

Erich: Bei Flussmündungen ist das Problem vor allem das Brackwasser. Durch das Süß- und Meerwasser zusammen gibt es Schlierenbildung, und zusammen mit dem oft mitgetriebenem Dreck, sinkt die Sicht oft bis auf Null, du hast Plankton das abstirbt, wodurch es reichlich Nahrung für Fische gibt und auch viel Lärm. Bullenhaie, die sich oft in solche Mündungen aufhalten, müssen sich dann oft auf Gehör oder Seitenliniensystem verlassen, aber weniger auf die Augen, was dann eben zu Unfällen führen kann.

Stop Finning DE: Welches ist die Lieblingshaiart? Oder sagen wir mal Deine Top 3.

Erich: Meine Lieblingshaie sind Schwarz-Spitzenhaie, Entschuldigung für den Ausdruck, aber das sind kleine, liebenswerte Ärsche (lächelt). Das sind Wadenbeißer, die kleinen Kläffer der Meere. Also ich meine hier den Schwarz-Spitzenhai nicht den Schwarzspitzenriffhai. Ganz wichtig. Also wobei ich natürlich auch die karibischen Riffhaie liebe, aber zum Rumhängen und Spaß haben sind die Beiden die besten. Der 3. Hai ist, der bei mir ganz oben steht ist der Tigerhai… wunderbares Tier, wenn man ihm begegnen kann. Aber ich stehe auch auf Zitronehaie, absolut sympathische Tiere.

Stop Finning DE: Wann hast Du angefangen Dich für Haie aktiv einzusetzen?

Erich: Bei den ersten Anti-Finning Kampagnen war ich in etwa 30 Jahre alt. Die Notwendigkeit habe ich schon früh gesehen, aber Tierschutz begann damals mit dem WWF oder Greenpeace, es waren jedoch mehr Kampagnen zur Aufmerksamkeit auf diese Themen und Haie waren hier kaum geeignet. Aktive Kampagnen gab es nur sehr wenige. Als ich dann die Kampagne gemacht habe, wurde dies mit wenig Verständnis aufgenommen. Vor allem weil bis dahin die Kampagnen sich eher gegen das Robbenabschlachten gerichtet haben, da dies als brutal und blutig galt und die Tiere natürlich den Niedlichkeitsfaktor haben. Also wurde ich oft gefragt warum denn ausgerechnet Haie.

Stop Finning DE: Wie sahen die ersten Stop-Finning Kampagnen aus?

Erich: Die ersten Kampagnen waren sehr medienorientiert. Es ging dabei um Haiknorpel in Apotheken und war viel Fuß- und Überzeugungsarbeit. Wir waren zu dritt: ein Journalisten, ein Anwalt und ich selbst.

Stop Finning DE: Das ist aber eine sehr gute Konstellation für so eine Kampagne.

Erich: Ja, wir hatten durch unsere Aktionen sehr schnell große Gegner. Vor allem große Pharmakonzerne wollten uns gerne loswerden. Sie mochten es nicht, dass wir gegen Ihre Produkte vorgehen und es anzweifelten, dass die Produkte eine Wirkung bspw. gegen den Krebs haben. Heute ist es ja zum Glück klar, dass sich der Knorpel der Haie nicht groß von dem von Schweinen oder Kühen unterscheidet, also nicht sehr speziell ist, und eben nicht gegen Krebs hilft.

©Robert Wilpernig

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Stop Finning DE: Ja, aber leider findet man die Produkte auch heute noch in der Apotheke. Letztlich besteht Knorpel zum aller größten Teil nur aus Proteinen und Wasser und es gibt viele andere Möglichkeiten diese Bestandteile zu sich zu nehmen.

Wenn man nun das Töten von Haien mit anderen Umweltproblemen vergleicht, warum ist es dann so wichtig? Man kennt ja von Dir den Satz „Das Töten von Haien ist die größte Ökologische Zeitbombe, der wir ziemlich bald ausgesetzt sind.“ Kannst Du erklären warum das so ist?

Erich: Der Grund ist relativ einfach: Haie sind die häufigsten Raubtiere auf unserem Planeten, die über 50kg wiegen. Das muss man sich unbedingt bewusst machen, welche Folgen das hat, wenn diese Dichte zusammenfällt. Sie kontrollieren 2/3 unseres Planeten, das klingt ja schon nach recht viel, aber das Volumen, dass sie Kontrollieren ist ja nochmal um ein vielfaches höher, als das Volumen, dass durch beispielsweise Landlebewesen kontrolliert werden kann. Wir können nicht abschätzen welche Konsequenzen das haben wird, wenn dieses riesige System auseinander fällt. Das andere Problem sind die trophischen Stufen. Wenn wir das oberste Glied, also den Hai aus unserem System nehmen, dann wird schlussendlich auch das unterste Glied zerstört werden. Das ist in unserem Fall Phytoplankton, was für bis zu 70% des Sauerstoffgehalts unserer Erde verantwortlich ist und dazu kommt, dass das Meer eine große Senke für CO2 ist. Auch dies liegt unter anderem am Phytoplankton. Nimmt man also den Hai weg, haben wir irgendwann auch Probleme mit zu wenig Sauerstoff in der Atmosphäre.

Stop Finning DE: Man könnte also sagen: Jeder egoistische Mensch sollte sich um den Haischutz kümmern.

Erich: Absolut!

Stop Finning DE: Es gibt genügend Länder, nicht nur Costa Rica oder Spanien, die Jagd auf Hai machen, welche Länder gehören noch zu den „Bad Playern“?

Erich: Also die weltweite Nr. 1 ist zurzeit Indonesien. Es wird leider ganz oft in diesen Betrachtungen vergessen. Dann aber auch Pakistan, Spanien…

Stop Finning DE: Dann gibt es auch noch Länder wie Australien, die auf der einen Seite viele Schutzkampagnen aufbauen und auf der anderen Gesetze wie den „WA Shark Cull“ durchsetzen. Gibt es sonst noch ein Land, das dadurch auffällt, dass es deutliche Rückschritte im Haischutz macht?

Erich: Ja, ganz klar. Da gibt es schon Länder, die zwar ein Verbot ausgestellt haben, den Fang der Haie aber dennoch tolerieren und nur limitiert dagegen vorgehen.

Stop Finning DE: Und zu den positiveren? Welches Land hat sich durch bessere Schutzmaßnahmen hervorgehoben?

Erich: Da gibt es einige: Palau, Fiji, aber auch das Anti-Finning Gesetz der USA ist ein schöner Schritt. Aber massiv verbessert hat sich vor allem Hawaii. In Hawaii ist der bloße Besitz von Flossen strafbar und wird mit Freiheitsentzug, also Gefängnisstrafe bestraft.

Stop Finning DE: Was ist der beste Ansatz im Haischutz und was sind die wichtigsten Punkte?

Erich: Es ist ganz ehrlich schwierig zu sagen ob man über Regierungen oder Kampagnen gehen sollte, es hat beides seine Berechtigung. Ich glaube das wichtigste ist aber zunächst die generelle Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung der breiten Bevölkerung.

Stop Finning DE: Damit auch der Druck durch die Bevölkerung aufgebaut wird.

Erich: Richtig, wenn Leute überzeugt werden können, dass sie durch den Nichtkonsum von Haien etwas bewirken oder Petitionen entstehen, wodurch dann die Öffentlichkeitsarbeit auch Druck auf Regierungen ausübt. So lange kein großer Druck durch die Öffentlichkeit entsteht haben alle Regierungen scheinbar wichtigere Probleme als den Hai oder generell den Umwelt- und Tierschutz.

Stop Finning DE: Was kann denn jeder einzelne tun um Haien zu helfen?

Erich: Das Beste ist sicher die Kommunikation des Wissens, dass Haie nicht das sind was wir durch das Fernsehen über sie glauben zu wissen und das zweite ist natürlich die bewusste Entscheidung gegen Haiprodukte und den Konsum solcher. Das ist nicht so einfach wie es zunächst klingt, denn auch das Kollagen der Lippenstifte wird meist von Haien gewonnen.

Ich persönliche glaube das Umdenken ist der entscheidende Faktor.

Stop Finning DE: Hast Du eine Take Home Message?

Erich: Man sollte sich einmal Gedanken machen, was wir Menschen mit den Meeren machen. Für viele scheint das so weit weg zu sein, aber eigentlich ist alles direkt oder indirekt mit dem Meer verbunden. Wenn wir uns hier nicht mehr kümmern und uns um die Meere Sorgen, werden wir diesen Kampf mit absoluter Sicherheit verlieren. Das Meer wird irgendwann aufgeben und nichtmehr in der Lage sein den notwendigen Sauerstoff zu produzieren und auch nichtmehr den größten Teil des Kohlenstoffdioxids aufnehmen.

Stop Finning DE: Das ist eine wichtige Aussage! Vielen Dank für das Interview!

Erich: Ja gerne, kein Problem!

Das Stop Finning Deutschland Team gemeinsam mit Dr. Erich Ritter (r.a.) auf der Boot 2015

Das Stop Finning Deutschland Team gemeinsam mit Dr. Erich Ritter (r.a.) auf der Boot 2015