Raubtierkapitalismus
Juli 10th, 2009

Die Krise hat der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt schon vor zwei Jahren vorausgesagt: Damals nämlich, als die Finanzmanager in London und New York noch unverwundbar schienen, sprach Schmidt vom „Raubtierkapitalismus“. Und genauso ist es, wenn man ihm bei Wort nimmt, wirklich gekommen. Wer weiß, wie die Natur haushält, wird sich über nichts gewundert haben, denn es gibt kaum ein größeres Missverständnis als die Vorstellung vom übermächtigen Raubtier. Der Tiger, das Leistenkrokodil oder der Hai – sie alle gehören zu den bedrohten Tierarten, die viel staatliche Unterstützung oder privates Engagement benötigen, um nicht zu verschwinden.
Die Erklärung liefern ein einfaches Rechenbeispiel und ein Blick auf die Nahrungskette: In einem Meer können hundert Millionen Kieselalgen etwa eine Million Ruderfußkrebse sättigen; eine Million Ruderfußkrebse ernähren wiederum ungefähr zehntausend Garnelen; zehntausend Garnelen stopfen die Mägen von hundert Makrelen; und hundert Makrelen wieder sind die Speise eines einzelnen Hais. Wegen der Nahrungspyramide, die Ökologen nach ihrem Entdecker die Eltonsche Zahlenpyramide nennen, sind die Organismen an der Spitze rar. Wer am Ende der Nahrungskette steht, ist am abhängigsten und deshalb gefährdet. Die kurze Überlegenheit im Moment des Beutefangs zahlt das Raubtier auf lange Sicht mit einer dauerbedrohten Existenz. Und dieses Schicksal teilt der Raubtierkapitalist mit dem Raubtier: Auch er, der in den Städten jagt, kann ohne Hilfe von außen, vom schützenden Staat, nicht überleben.
Quelle: Faz.net
Kategorie: Haie, Umwelt |
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